Zeitreise China – Teil 4

Und nun? Europa am Scheideweg

# 18

Und nun? Europa am Scheideweg


Dies ist der vierte und - vorerst - letzte Teil einer vierteiligen Serie über Chinas bemerkenswerte Transformation. Ein persönlicher Bericht eines langjährigen Beobachters.


Die unbequeme Frage

In den ersten drei Teilen dieser Serie habe ich beschrieben, was ich in über zwanzig Jahren China-Erfahrung beobachtet habe: vom VW-dominierten Straßenbild der frühen 2000er über die stille Revolution der Fünfjahrespläne bis zu meinen Eindrücken aus dem Sommer 2025.

Jetzt stellt sich die unbequeme Frage: Was bedeutet das alles für uns? Für Europa, für Deutschland, für unsere Industrie und unsere berufliche sowie persönliche und Zukunft?

Ich möchte diese Frage nicht mit erhobenem Zeigefinger beantworten. Es gibt genug Menschen, die das tun. Stattdessen möchte ich die Fakten sprechen lassen und ein paar Denkanstöße geben.


Die chinesischen Erfolgsfaktoren

Wenn ich versuche zu verstehen, warum China in relativ kurzer Zeit so weit gekommen ist, kristallisieren sich einige Faktoren heraus:

Das "Whole of Nation System": In China arbeiten Staat und Industrie zusammen. Man hat die komplette Lieferkette in der Hand – vom Rohstoff bis zum Endprodukt. Es gibt keine Reibungsverluste zwischen politischer Vision und wirtschaftlicher Umsetzung.

Hohe F&E-Investitionen: Die Forschungs- und Entwicklungsquote stieg auf 2,69 Prozent des BIP, wobei die Ausgaben jährlich um durchschnittlich 10,5 Prozent wachsen. Das ist kein Zufall, sondern Strategie.

Eine Bevölkerung als Early Adopters: Chinesen nehmen neue Technologien schnell an. Mobile Payment, E-Autos, autonomes Fahren – was im Westen jahrelang diskutiert wird, ist in China längst Alltag.

Klare und sehr schnelle Entscheidungsfindung: Ein kleines Gremium aus ausgewählten Wissensträgern eines Unternehmens trifft sich ein- bis zweimal pro Woche für wenige Stunden und trifft Entscheidungen. Keine endlosen Diskussionen, keine Abstimmungsschleifen. Alle anderen setzen diese Entscheidungen konsequent um.

Durchgängige Digitalisierung: Digitalisierung wird nicht schrittweise eingeführt, sondern konsequent von Anfang bis Ende umgesetzt. Mut zur vollständigen Transformation ist der Schlüssel.

Die Arbeitskultur 9-9-6: Arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, sechs Tage die Woche – das sind nahezu doppelt so viele Arbeitsstunden wie im Westen. Dieses enorme Engagement ermöglicht außergewöhnliche Geschwindigkeit und steile Lernkurven. Ich höre allerdings, dass dieses Modell insbesondere von jüngeren Chinesen zunehmend kritisch gesehen wird und Themen wie Work-Life-Balance an Bedeutung gewinnen. Dennoch bleibt der Unterschied zur westlichen Arbeitswelt erheblich.

Ich bewerte diese Faktoren nicht. Manche davon würden wir in Europa niemals akzeptieren wollen. Aber wir sollten verstehen, womit wir es zu tun haben.

Erfolgsfaktoren chinesischer Unternehmen

Die andere Geschäftskultur

Etwas, das ich in vielen Gesprächen immer wieder gehört habe: Hardware wird in China sofort kopiert, sobald Erfolg sichtbar wird – und mittlerweile oft besser und wesentlich günstiger als das Original. Ein echtes USP geht heute nur noch durch Software und Ökosystem.

Ab und an lässt sich folgendes Muster beobachten: Ein westliches Unternehmen übernimmt ein chinesisches, und zunächst sind alle zufrieden. Nach einigen Monaten jedoch gründet der frühere chinesische Inhaber nebenan ein neues Unternehmen – mit identischen Produkten und oft sogar den gleichen Mitarbeitern.

Ich habe einen chinesischen Freund, der mir schon mehrfach gesagt hat: „Never JV with a Chinese“. Ein westliches Unternehmen sollte sehr genau abwägen, ob es sich tatsächlich in der Lage sieht, mit einem chinesischen Partner ein Joint Venture einzugehen.

Das soll keine Verurteilung sein. Es handelt sich um eine andere Geschäftskultur, mit eigenen Regeln und Werten. Wer dort erfolgreich sein will, muss diese Regeln kennen. Denn ein Spiel kann man nur gewinnen, wenn man seine Spielregeln versteht.


Wie China Deutschland sieht

Eine Studie der GIZ aus dem Jahr 2025 mit dem Titel "Chinesische Perspektiven auf Deutschland" zeigt eine zunehmend kritische Sicht der chinesischen Elite auf die Bundesrepublik.

Technologischer Rückstand: Deutschland genießt zwar noch hohes Ansehen, wird aber in zukunftsentscheidenden Bereichen wie KI, Halbleitern, Elektromobilität und Digitalisierung als rückständig wahrgenommen. Die Befragten bemängeln langsame Umsetzungsprozesse und eine zu geringe Risikobereitschaft.

Kritik an der Außenpolitik: Die Befragten kritisieren eine moralisch aufgeladene Außenpolitik sowie den zunehmenden Verlust an Verlässlichkeit. Besonders die Bezeichnung Xi Jinpings als „Diktator“ durch die damalige Außenministerin im Jahr 2023 wird als diplomatisches Fehlgeschick bewertet, dessen Wirkung bis heute anhält. Umso ernüchternder ist die Feststellung, dass dieser Fehler aktuell erneut begangen wird. Offensichtlich ziehen wir daraus keine Lehren.

Wahrnehmungskonflikt: Aus chinesischer Sicht ist das deutsche China-Bild einseitig, von Vorurteilen geprägt und stark auf Themen wie Menschenrechte oder Überwachung verengt. Die Befragten empfinden die Berichterstattung als ungerecht und unfair und fühlen sich dadurch verletzt; zugleich vermissen sie die Anerkennung von Leistungen etwa in der Armutsbekämpfung. Diese Wahrnehmung ist ein wesentlicher Anlass für die vorliegenden Artikel.

Forderung nach Augenhöhe: Trotz der Enttäuschung über die deutsche Abkehr besteht weiterhin Offenheit für Kooperationen bei gemeinsamen Interessen. Es wird jedoch deutlich gewarnt: Mit Überheblichkeitsgefühlen, moralischen Belehrungen und Besserwisserei kommt man in China nicht weiter.

Der chinesische Blick auf Deutschland

Deutschland wird nicht mehr als die starke Macht wahrgenommen, die es vor zwanzig Jahren war. Die Bundesregierung scheint diesen Bedeutungsverlust jedoch nicht zur Kenntnis zu nehmen und tritt gegenüber China weiterhin belehrend auf – als handele es sich noch immer um eine untergeordnete Werkbank.

Man kann sich das Verhältnis wie ein Gespräch zwischen einem ehemaligen Mentor und seinem nun erfolgreicheren Schüler vorstellen: Der Mentor versucht weiterhin, moralische Lektionen zu erteilen, während der Schüler längst technologisch vorbeigezogen ist und dessen Ratschläge nicht mehr ernst nimmt.


Zölle: Eine Scheindebatte?

Im Oktober 2024 verhängte die EU Ausgleichszölle auf chinesische Elektroautos – zwischen 7,8 und 35,3 Prozent. Die Idee: staatliche Subventionen in China ausgleichen und europäische Hersteller schützen.

Die Realität sieht anders aus:

Preissenkungen statt Absatzrückgang: Um trotz der Zölle für europäische Käufer attraktiv zu bleiben, haben die chinesischen Hersteller ihre Preise massiv gesenkt. Der Durchschnittspreis eines chinesischen E-Autos liegt nun etwa 9.000 Euro niedriger als im ersten Halbjahr 2023.

Stabile Importvolumina: Durch diese Preisreduzierungen konnten die chinesischen Autobauer ihre Verkaufszahlen in der EU halten oder sogar steigern.

Ausweichstrategie Hybrid-Modelle: Ein deutlicher Trend ist die verstärkte Ausrichtung auf Hybrid-Fahrzeuge. Da diese nicht unter die spezifischen E-Auto-Zölle fallen, nutzen Hersteller sie als strategische Alternative.

EREV als Schlupfloch: Es kommt aktuell eine neue Klasse von Fahrzeugen auf den Markt, die von den Zöllen ausgenommen ist: EREV-Fahrzeuge mit über 1.000 Kilometern Reichweite.

Man kann sich diese Zölle wie einen Damm vorstellen, den die EU errichtet hat, um die Flut günstiger Autos aufzuhalten. Die chinesischen Hersteller haben jedoch einfach den Druck erhöht – die Preise gesenkt – und gleichzeitig neue Kanäle gegraben – Hybride und EREVs. Das Wasser fließt nun fast ungehindert um das Hindernis herum.


"Reverse Deng": Europa lernt von China?

Ein interessanter Gedanke, der in europäischen Expertenkreisen diskutiert wird: den historischen chinesischen Joint-Venture-Zwang umkehren und auf chinesische Unternehmen anwenden.

Unter Deng Xiaoping führte China Ende der 1970er Jahre Gesetze ein, die ausländische Firmen zwangen, Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Partnern zu bilden. Ziel war es, Marktzugang gegen technologisches Know-how zu tauschen.

Da China heute in vielen Schlüsseltechnologien selbst führend ist, hat es diese Zwänge weitgehend abgeschafft. Nun diskutieren europäische Experten, China mit seinen eigenen Mitteln zu begegnen: den Marktzugang für chinesische Hersteller in der EU an die Bedingung zu knüpfen, Joint Ventures mit europäischer Mehrheitskontrolle einzugehen.

Die EU-Kommission scheint diesen Vorschlägen gegenüber nicht abgeneigt zu sein und prüft, ob diese Gedankenspiele in konkrete Politik umgesetzt werden können.


Indien als Alternative?

Angesichts der Abhängigkeit von China empfehlen vor allem Politiker der deutschen Wirtschaft, sich mehr nach Indien zu orientieren. Doch Experten sind skeptisch.

Luisa Kinzius vom Beratungsunternehmen Sinolytics schreibt: "Indien ist in zentralen Bereichen mittelfristig keine Alternative zu China." Die kritische Abhängigkeit der deutschen Industrie von China liegt bei Rohstoffen, der industriellen Fertigung sowie Schlüsselkomponenten für Zukunftstechnologien wie Solar, Wind und Elektromobilität. In diesen Bereichen wird Indien in absehbarer Zeit nicht konkurrenzfähig sein.

Indiens Chance liegt woanders – im digitalen Ökosystem. Indien ist deshalb eine strategische Ergänzung für Unternehmen, die digitale Zukunftsmärkte erschließen wollen. Aber ein Ersatz für China? Nicht in Sicht.


Chinas eigene Herausforderungen

Bei aller Bewunderung für die Erfolge: China steht vor erheblichen eigenen Herausforderungen.

Wirtschaftliche Risiken: Ein schwacher privater Konsum, die anhaltende Immobilienkrise und die hohe Verschuldung der Kommunen – knapp 300 Prozent des BIP – könnten das Wachstum gefährden.

Demografischer Wandel: Bis 2035 wird voraussichtlich ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. China droht ein massiver Fachkräftemangel. Experten ziehen Parallelen zu Japan in den 1990er Jahren – ein durch staatliche Lenkung befeuerter Aufstieg, der in einer Immobilienblase und einer schrumpfenden Bevölkerung mündet.

Erwartungen für 2026: Offizielle Medien prognostizieren einen Rückgang der Autoverkäufe um etwa 40 Prozent im ersten Quartal und um mindestens 10 Prozent für das Gesamtjahr.

Strategische Neuausrichtung: Der Fokus verschiebt sich im neuen Fünfjahresplan. Weg von Mobilität, hin zu Quantentechnologie, Bio-Manufacturing, Militär. Elektrofahrzeuge gelten als etabliert. Eine deutliche Bereinigung des Marktes wird erwartet.

China ist nicht das Paradies, als das es manchmal dargestellt wird. Aber die Herausforderungen des Landes ändern nichts an den Fakten, die ich in dieser Serie beschrieben habe.


Mögliche Zukunftsszenarien für Europas Autoindustrie

Wie könnte die Zukunft aussehen? Folgende Szenarien kann man sich vorstellen:

Zukunftsszenarien für die deutsche Automobilindustrie

Was wir von China lernen können

Langfristiges Denken: Während wir in Quartalsberichten und Legislaturperioden denken, plant China für Jahrzehnte. Das ist ein struktureller Vorteil, den wir nicht einfach kopieren können – aber wir können uns fragen, wie wir mehr Langfristigkeit in unsere Entscheidungen bringen.

Umsetzungsgeschwindigkeit: In China wird entschieden und umgesetzt. In Europa wird diskutiert, abgestimmt, überdacht, revidiert. Manchmal ist Geschwindigkeit wichtiger als Perfektion.

Technologie-Offenheit: Die chinesische Bevölkerung nimmt neue Technologien an, statt sie zu fürchten. Diese Offenheit ist ein kultureller Faktor, der schwer zu übertragen ist – aber wir können versuchen, unsere eigenen Ängste zu hinterfragen.

Integration statt Fragmentierung: In China arbeiten Staat, Industrie und Forschung zusammen. In Europa haben wir 27 Mitgliedsstaaten mit unterschiedlichen Interessen. Mehr Integration wäre hilfreich.


Demut und Hoffnung

Demut vor den Erfolgen Chinas ist angesagt. Die nachweislichen Erfolge sind enorm: Armutsbekämpfung, Umweltschutz, Sicherheit, Korruptionsbekämpfung. China ist mittlerweile ein langfristig strategisch denkender und ernst zu nehmender Global Player. Dem Westen ist sehr zu empfehlen, sich entsprechend zu verhalten.

Aber Demut bedeutet nicht Resignation. Die Internationale Energieagentur IEA sagt: Die Lücke ist nicht unüberwindbar. Etwa 50 Prozent der Kostendifferenz bei der Fahrzeugherstellung sind auf die Effizienz der Fertigung und die Automatisierung zurückzuführen. Das sind Dinge, die wir beeinflussen können.

Es gibt weiterhin Nischen, in denen deutsche Qualität gefragt ist. Es gibt weiterhin Innovationskraft in Europa. Es gibt weiterhin Chancen – wenn wir sie ergreifen.


Schlusswort

Als ich diese Artikelserie begann, war mein Ziel, nach bestem Wissen und Gewissen zu informieren und dazu anzuregen, sich beruflich wie persönlich Gedanken zu machen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, nicht polemisch, sondern mit dem Anspruch, aus meiner subjektiven Sicht eine möglichst sachliche und ausgewogene Darstellung zu liefern.

Was ich in der Hand habe: Informationen weiterzugeben. Zum Nachdenken anzuregen. Vielleicht einen kleinen Beitrag zu leisten, damit wir in Europa die richtigen Entscheidungen treffen.

Sehr gerne diskutiere ich kontrovers, aber konstruktiv – weil wir Europäer Lösungen dringend brauchen. Und falls das eine oder andere Thema nicht korrekt dargestellt wurde: Ich lerne auch gerne dazu.


Zusammenfassung der Artikelserie

Die vier Teile im Überblick

Teil 1 – Das alte China (2004–2020): Meine ersten Eindrücke von einem Land im Aufbruch. VW-dominierte Straßen, extreme Luftverschmutzung, China als Werkbank der Welt. Der Deal "Marktzugang gegen Technologietransfer" – eingegangen mit offenen Augen.

Teil 2 – Die stille Revolution (2012–2024): Wie China durch Fünfjahrespläne, massive Investitionen und strategische Übernahmen zur Technologiemacht aufstieg. Die NEV-Strategie seit der Jahrtausendwende. Die Kontrolle der Seltenen Erden. Die Abkehr von westlicher Software.

Teil 3 – Das neue China (Sommer 2025): Meine Rückkehr nach fünf Jahren Pause. Saubere Städte, ein völlig verändertes Straßenbild, DiDi Luxe als Mobilitätserlebnis. Autonomes Fahren im Alltag. Die EREV-Technologie als recycelte westliche Idee.

Teil 4 – Europa am Scheideweg: Die Erfolgsfaktoren Chinas, die andere Geschäftskultur, die chinesische Sicht auf Deutschland. Warum Zölle nicht funktionieren. Fünf Zukunftsszenarien für die europäische Automobilindustrie.

Die Kernbotschaften

  1. China hat in zwanzig Jahren eine beispiellose Transformation vollzogen.
  2. Der Westen hat diese Entwicklung unterschätzt oder ignoriert.
  3. Langfristiges strategisches Denken schlägt kurzfristige Legislaturperioden.
  4. Die technologische Führung hat in vielen Bereichen bereits gewechselt.
  5. Europa braucht dringend eine eigene Vision – und die Bereitschaft, sie umzusetzen.

Ein positiver Ausblick

Die Lücke ist nicht unüberwindbar. Es gibt Chancen, wenn wir sie ergreifen. Demut vor Chinas Erfolgen bedeutet nicht Resignation – sondern den ersten Schritt zum Lernen.

China ist ein ernst zu nehmender Partner und Wettbewerber. Kooperation auf Augenhöhe ist möglich – aber nur, wenn wir selbst stark bleiben. Und dafür müssen wir jetzt handeln.


Vielen Dank, dass Sie diese Serie gelesen haben. Ich freue mich auf Ihre Rückmeldungen und einen konstruktiven Austausch.


Quellen Teil 4:


Über den Autor: Der Autor besucht China seit 2004 regelmäßig geschäftlich und teilt hier seine persönlichen Beobachtungen und Erkenntnisse.

Über den Autor

Andreas Wocke Visionärer CEO eines KMU's mit internationaler Erfahrung. Schwerpunkte: Innovation, Produktentwicklung, Technik und Vertrieb. Fokussiert auf Effizienz, Effektivität sowie den Aufbau nachhaltiger Wissens- und Erfahrungsstrukturen für Unternehmen.

Andreas Wocke