Das neue China: Eindrücke aus dem Sommer 2025
Dies ist der dritte Teil einer vierteiligen Serie über Chinas bemerkenswerte Transformation. Ein persönlicher Bericht eines langjährigen Beobachters.
Fünf Jahre Pause
Zwischen 2004 und 2020 kam ich in der Regel zweimal im Jahr nach China. Dann kam die Pandemie, gefolgt von diversen weiteren Krisen. Fünf Jahre lang betrat ich keinen chinesischen Boden. Im Sommer 2025 war es endlich wieder soweit.
Ich war beruflich in Shanghai, Beijing, Hangzhou und Suzhou unterwegs. Was ich dort erlebte, hat meine Wahrnehmung von China grundlegend verändert. Nicht weil ich naiv gewesen wäre – ich kannte das Land seit über zwanzig Jahren. Sondern weil sich in diesen fünf Jahren offenbar mehr verändert hatte als in den fünfzehn Jahren zuvor.
Ankunft in Beijing: Ein anderes Land
Was sofort auffiel, als ich in Beijing aus dem Flugzeug stieg:
Ein ganz neuer Flughafen (schon wieder). Sehr sauber. Kein Gehupe. Saubere Luft. Tolle Straßen. Viele sehr moderne Gebäude mit beeindruckender Beleuchtung.
Das war vor 2020 ganz anders. Es war dreckig, der Verkehr laut und chaotisch, die Umweltverschmutzung sorgte regelmäßig für Halsschmerzen – zumindest bei mir. Also in Summe ein sehr guter Eindruck, den ich da gewann. Und ich kenne Beijing wirklich ganz anders, auch wenn das fünf Jahre her ist.
Alle, mit denen ich während meines Aufenthalts sprach, bestätigten mir: Das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. China hat sich in den letzten fünf Jahren tatsächlich stark verändert.
Shanghai, Hangzhou, Suzhou: Das gleiche Bild
In Shanghai zeigte sich das gleiche Bild: Sehr sauber, ruhig, auch sehr sicher. Entlang des Huangpu-Flusses kann man kilometerweit mit einem geliehenen Fahrrad auf hervorragenden Radwegen fahren. Die Stadt, die ich von früher als hektisch und überfüllt in Erinnerung hatte, präsentierte sich nun aufgeräumt und durchorganisiert (und immer noch überfüllt, wie alle Großstädte heutzutage).
Auch in Hangzhou und Suzhou das gleiche Bild: Sauberkeit, keine Hupkonzerte, saubere Luft, hervorragende Straßen, moderne Architektur mit beeindruckender Beleuchtung.
Hangzhou 2025
Mein Fazit nach dieser Reise: Ich kenne keine westliche Stadt, die so sauber ist und wo man sich so sicher fühlt wie in China.
Kameras überall – aber anders als erwartet
Ja, es gibt sehr viele Kameras. Das fällt sofort auf. Aber – und das mag überraschen – ich fand es nicht störend. Es gibt ein Gefühl der Sicherheit. Man kann sich zu jeder Zeit nahezu überall bewegen, ohne sich unwohl zu fühlen.
Ich weiß, dass dieses Thema in westlichen Medien kontrovers diskutiert wird. Aber ich berichte hier nur meine persönliche Erfahrung vor Ort: Die allgegenwärtige Überwachung führte bei mir nicht zu einem Gefühl der Bedrohung, sondern der Sicherheit. Ob das für jeden so ist, kann ich nicht sagen.
Das veränderte Straßenbild
Was mich am meisten beeindruckt hat, war das Straßenbild. Ich erinnere mich noch genau an meine Eindrücke über die Jahre:
Vor 20 Jahren, bei meinem ersten Besuch 2004: Fast nur VW auf der Straße - siehe meinen ersten Artikel.
Vor 10 Jahren, etwa 2015: In Shanghai waren sicher 50 Prozent der Fahrzeuge von Hyundai und viel weniger VW.
Heute sind rund 70 Prozent der Fahrzeuge chinesischer Herkunft. Koreanische Modelle sieht man kaum noch, deutsche Fahrzeuge nur vereinzelt. Gleichzeitig begegnet man im Straßenverkehr bereits ersten autonom fahrenden Fahrzeugen.

Die Zahlen bestätigen diesen Eindruck. Der Marktanteil deutscher OEMs in China ist von 24 Prozent auf 15 Prozent geschrumpft – in nur fünf Jahren. Chinesische Hersteller halten mittlerweile 70 Prozent Marktanteil im eigenen Land.
Das ist nicht nur eine statistische Verschiebung. Es ist unübersehbar.
DiDi: Mobilität auf einem anderen Niveau
Ein Erlebnis, das ich so in der westlichen Welt nie hatte, war die Nutzung von DiDi – dem chinesischen Pendant zu Uber.
Man bestellt ein Fahrzeug per App, und selbst die Luxe-Kategorie ist erheblich günstiger als jeder Uber oder jedes Taxi in der westlichen Welt. Aber der Preis ist nicht das Bemerkenswerte.
Wenn man sich ein Fahrzeug der Luxe-Kategorie bestellt, ist das schlicht ein Erlebnis, wie man es in der westlichen Welt nicht findet. In der Regel kommt auf die Minute genau eine schwarze Limousine – Mercedes E-Klasse oder BMW 5er in der Langversion, wie man sie in China standardmäßig bekommt. Das Fahrzeug ist so sauber, dass man vom Boden essen könnte. Das ist wirklich keine Übertreibung.
Die Fahrer sprechen gutes Englisch und haben alle spürbar ein intensives Fahrtraining absolviert. Alle Fahrer tragen einen schwarzen Anzug, dazu weiße Handschuhe und einen Mundschutz. Die Fahrzeuge werden nach jedem Fahrgast intensiv gereinigt.
Was mich besonders beeindruckt hat: Ich habe diesen Dienst mehrfach genutzt, in verschiedenen Städten. Die Fahrzeuge waren absolut identisch – bis hin zur Wasserflasche und dem Duft, der in jedem Fahrzeug der gleiche war. Das ist Standardisierung auf einem Niveau, das ich so noch nie erlebt habe.
Natürlich freue ich mich darüber, dass hier ausschließlich deutsche Fahrzeuge zum Einsatz kommen. Gleichzeitig habe ich mich unweigerlich gefragt, warum das so ist. Es gibt schließlich auch chinesische, koreanische, japanische oder andere westliche Hersteller, die Fahrzeuge der Luxusklasse anbieten. Vielleicht war es nur eine Momentaufnahme – doch der Eindruck bleibt dennoch nachhaltig.

Das digitale Ökosystem: Alles funktioniert
Alipay und WeChat(-Pay) sind die wesentlichen Apps, mit denen jeder in China sein Leben organisiert. Was auffällt: Vieles funktioniert in China im Vergleich zur westlichen Welt sehr "rund".
Das sind so Dinge des täglichen Lebens wie Restaurantbesuche, Mobilität, Bezahlvorgänge, Reservierungen, Güterverkehr und vieles mehr. Man öffnet eine App, scannt einen QR-Code, und die Sache ist erledigt. Kein Bargeld, keine Kreditkarte, keine Diskussion.
211 Milliarden Mobile-Payment-Transaktionen wurden 2024 in China abgewickelt. Der digitale Yuan wird bereits in Pilotprojekten getestet, mit 120 Millionen eröffneten Wallets. China ist seit zwölf Jahren der weltweit größte Online-Einzelhandelsmarkt.
Das ist keine Zukunftsvision. Das ist Alltag.
Die Automobil-Realität 2025
Während meines Aufenthalts hatte ich auch Gelegenheit, die aktuelle Situation der Automobilindustrie aus der Nähe zu betrachten.
VW hat auf der Auto Shanghai 2025 das erste Elektrofahrzeug vorgestellt, das komplett unabhängig von Deutschland in China für den chinesischen Markt entwickelt wurde. Die Zahlen, die dabei genannt wurden, sind bemerkenswert: 40 bis 50 Prozent geringere Entwicklungskosten im Vergleich zu einer klassischen Entwicklung in Deutschland. 30 Prozent geringere Herstellungskosten. VW plant bis 2030 mehr als 30 lokal entwickelte Fahrzeuge.
Auch Audi hat reagiert: In China wurde eine neue Marke gegründet – "AUDI" als Buchstaben geschrieben, anstatt der vier Ringe. Das erste Fahrzeug unter dieser Marke wurde im Joint Venture mit SAIC entwickelt und wird auch dort produziert.
Chinesische OEMs haben das erklärte Ziel, ein Fahrzeug in 9 bis 12 Monaten zu entwickeln und jedes Jahr ein neues Modell auf den Markt zu bringen – wie in der IT-Branche. Das ist die neue Messlatte für westliche Automobilhersteller.
Autonomes Fahren: Die zweite Halbzeit hat begonnen
Ein Thema, das in China mit enormer Ernsthaftigkeit verfolgt wird, ist das autonome Fahren. Die Motivation dahinter ist nicht nur technologischer Ehrgeiz, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit.
2024 gab es in China 60.000 Verkehrstote – 90 Prozent davon durch menschliches Versagen verursacht. Die BIP-Verluste durch Staus sind enorm. Eine Erhöhung der Verkehrseffizienz um 15 bis 30 Prozent könnte einen signifikanten wirtschaftlichen Gewinn bewirken.
Die Anwendung von KI in der Automobilindustrie soll in den nächsten zehn Jahren einen Mehrwert von circa 345 Milliarden Euro schaffen, wobei 87 Prozent auf autonome Fahrzeuge entfallen. Das Marktvolumen für vernetztes Fahren soll bis 2030 auf über 630 Milliarden Euro steigen.
Während westliche Hersteller mit wenigen Testfahrzeugen experimentieren, hat allein Huawei bereits eine Million Fahrzeuge im Alltagsbetrieb, die technisch auf Level 4 autonom fahren können. Baidu Apollo Go, der Robotaxi-Dienst, ist in über zehn Städten aktiv und hat bereits 150 Millionen Kilometer autonom zurückgelegt.
Experten sagen: China hat die erste Halbzeit – die Elektrifizierung – gewonnen. Jetzt dominiert es die zweite Halbzeit: die Intelligenz.

EREV: Die recycelte Technologie
Eine interessante Entwicklung, die ich während meines Besuchs beobachten konnte, sind die sogenannten EREV – Extended-Range Electric Vehicles. Das sind Elektrofahrzeuge mit einem kleinen Benzingenerator, der die Batterie während der Fahrt lädt, ohne die Räder direkt anzutreiben. Das ermöglicht kombinierte Reichweiten von über 1.000 Kilometern.
Das Ironische daran: Diese Technologie ist keine chinesische Erfindung. Westliche Hersteller wie Chevrolet, Audi und BMW haben sie bereits vor über einem Jahrzehnt erprobt – und als zu teuer, zu schwer und zu ineffizient wieder verworfen.
China hat diese Technologie nun mit bemerkenswerter Präzision wiederbelebt. Im Jahr 2024 stieg der Absatz von EREV-Fahrzeugen in China um 79 Prozent auf über eine Million Einheiten. Experten erwarten bis Ende des Jahrzehnts eine Jahresproduktion von etwa 3,2 Millionen Fahrzeugen.
Während chinesische Marken wie Li Auto, BYD und Chery bereits Serienmodelle mit enormen Reichweiten auf dem Markt haben, präsentierte Volkswagen bisher lediglich ein Konzeptfahrzeug für den chinesischen Markt.
Man kann sich das EREV wie ein Sicherheitsnetz für einen Hochseilartisten vorstellen: Während Europa verlangt, dass die Autofahrer sofort ohne Netz – also mit reinen Elektroautos – über das Seil gehen, bietet China ihnen ein unsichtbares Netz in Form des Benzin-Generators an. Das nimmt die Angst vor dem Absturz – die Reichweitenangst – und sorgt dafür, dass viel mehr Menschen sich überhaupt auf das Seil trauen.

Die Schattenseite
Bei aller Begeisterung für die sichtbaren Fortschritte sollte nicht unerwähnt bleiben: Auch in China herrscht aktuell Wirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die offizielle Erwartung für 2026 ist ein schwieriges Jahr.
Die Immobilienblase drückt auf die Stimmung. Der Binnenkonsum ist schwach. Die Gesamtverschuldung liegt bei knapp 300 Prozent des BIP.

China ist nicht das Paradies, als das es manchmal dargestellt wird. Aber es ist auch bei weitem nicht das düstere Bild, das westliche Medien oft zeichnen. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen.
Was ich mitnehme
Nach knapp zwei Wochen in China bin ich mit gemischten Gefühlen zurückgekehrt. Beeindruckt von den sichtbaren Fortschritten. Nachdenklich über die Frage, was das für Europa bedeutet. Und mit einer gewissen Demut vor einer Entwicklung, die ich in diesem Ausmaß nicht erwartet hatte.
Im vierten und letzten Teil dieser Serie frage ich: Was bedeutet das alles für uns? Welche Optionen hat Europa? Und gibt es noch Grund zur Hoffnung?
Im vierten Teil geht es um die Konsequenzen: Wie sieht China Deutschland? Warum sind Zölle möglicherweise wirkungslos? Welche Zukunftsszenarien gibt es für die europäische Industrie? Und was können wir aus Chinas Erfolg lernen?
Quellen:
- VW China-Entwicklung: Volkswagen Newsroom (https://www.volkswagen-newsroom.com/de/volkswagen-group-china-5897)
- DiDi-Beschreibungen: Eigene Erfahrung des Autors
- Autonomes Fahren: Branchenberichte, Huawei Pressemitteilungen (https://www.huawei.com/de/deu/magazin/smart-mobility/autonomes-fahren-mit-fun-faktor), Baidu Apollo Statistiken (https://apollo.baidu.com/)
- EREV-Entwicklung: IEA Global EV Outlook (https://www.iea.org/reports/global-ev-outlook-2025/trends-in-the-electric-car-industry-3), Branchenanalysen
- Marktanteile: CAAM (https://cnevpost.com/2025/01/13/china-nev-sales-dec-2024-caam/), Statista (https://www.statista.com/statistics/277044/market-share-of-automobile-manufacturers-in-china/)
Über den Autor: Der Autor besucht China seit 2004 regelmäßig geschäftlich und teilt hier seine persönlichen Beobachtungen und Erkenntnisse.