Zeitreise China – Teil 2

Die stille Revolution: Chinas Transformation (2012–2024)

# 16

Die stille Revolution: Chinas Transformation (2012–2024)


Dies ist der zweite Teil einer vierteiligen Serie über Chinas bemerkenswerte Transformation. Ein persönlicher Bericht eines langjährigen Beobachters.


Der blinde Fleck des Westens

Im ersten Teil habe ich von meinen frühen China-Erfahrungen berichtet: die VW-dominierten Straßen, die Luftverschmutzung. China als Werkbank der Welt – laut, chaotisch, aber profitabel für alle Beteiligten.

Was ich damals nicht sah – und was der Westen offenbar kollektiv übersah – war eine strategische Transformation, die sich parallel zur Fabrikproduktion vollzog. Während wir in den chinesischen Werkhallen günstige Arbeitskräfte sahen, baute China systematisch eigene Kompetenzen auf. Und zwar mit einer Konsequenz und Langfristigkeit, die für westliches Denken schwer zu begreifen ist.


Der große Unterschied: Fünfjahrespläne statt Legislaturperioden

Der fundamentale Unterschied zwischen China und dem Westen liegt im Zeithorizont. Ein deutscher Politiker muss in vier Jahren Erfolge vorweisen, um wiedergewählt zu werden. Ein chinesischer Stratege plant für Jahrzehnte voraus.

Xi Jinping kam 2012 an die Macht – und ist bis heute dort. Die chinesische Regierung veröffentlicht alle fünf Jahre sogenannte Fünfjahrespläne, die dann mit aller Kraft verfolgt werden. Nicht als unverbindliche Absichtserklärungen, sondern als verbindliche Roadmaps.

Ein Blick auf die letzten drei Pläne zeigt die strategische Entwicklung:

Der 13. Fünfjahresplan (2016–2020) hatte das Leitmotiv einer "umfassend wohlhabenden Gesellschaft". Der Fokus lag auf stabilem Wirtschaftswachstum und dem Ausbau des Dienstleistungssektors. Besonders relevant: Die Initiative "Made in China 2025" wurde gestartet, massive Kaufsubventionen für Elektrofahrzeuge eingeführt. Das Ziel von 5 Millionen verkauften Elektrofahrzeugen bis 2020 wurde erreicht.

Der 14. Fünfjahresplan (2021–2025) steht unter dem Leitmotiv "Hochwertige Entwicklung". Das Modell der "Dualen Kreislaufwirtschaft" soll die Abhängigkeit vom Ausland verringern. Der Fokus liegt auf technologischer Selbstständigkeit, insbesondere bei Chips, Betriebssystemen und KI-Algorithmen. Elektrofahrzeuge wurden als strategische Schlüsselindustrie gefestigt, mit dem Ziel eines Anteils von 20 Prozent an den Neuwagenverkäufen bis 2025. Dieses Ziel wurde deutlich übertroffen – 2024 lag der Anteil bereits bei über 50 Prozent.

Der 15. Fünfjahresplan (2026–2030) trägt das Leitmotiv "Neue Qualitäts-Produktivkräfte". Der Binnenkonsum soll zum Hauptmotor des Wachstums werden. Die strategischen Schwerpunkte verschieben sich: Quantentechnologie, 6G, Biomanufacturing, Kernfusion und lernfähige Roboter stehen nun im Fokus. Elektromobilität gilt als "gewonnen" – der Fokus verschiebt sich auf Intelligent Manufacturing und vollständige technologische Unabhängigkeit.

Fünfjahrespläne aus China

Die Automobil-Strategie: Eine Lektion in langfristigem Denken

Die Geschichte der chinesischen Automobilindustrie ist vielleicht das beste Beispiel für strategisches Denken über Jahrzehnte hinweg.

China hatte in der Verbrennertechnologie keine realistische Chance, die etablierten westlichen und japanischen Hersteller einzuholen. Zu groß der Vorsprung, zu komplex die Technologie, zu eingefahren die Lieferketten. Also traf man eine strategische Entscheidung: Man konzentrierte sich sehr früh auf die Entwicklung von "NEV" – New Energy Vehicles.

Bereits im 10. Fünfjahresplan (ab 2001) und im 11. Fünfjahresplan (ab 2006) wurde die Elektromobilität intensiv berücksichtigt. Mit anderen Worten: An der Elektromobilität wird in China seit der Jahrtausendwende gearbeitet. Es ist kein Zufall, dass die chinesische Automobilindustrie heute da steht, wo sie steht.

Hunderte Milliarden an Fördergeldern wurden investiert. Nicht nur in die Fahrzeuge selbst, sondern in das gesamte Ökosystem: Batterieentwicklung, Softwareentwicklung, Ladeinfrastruktur, Rohstoffsicherung.

Die Zahlen sprechen für sich: Zwischen 2017 und 2024 stiegen die NEV-Verkäufe in China von unter einer Million auf über 11 Millionen Fahrzeuge. Die Marktpenetration wuchs parallel von rund 3 Prozent auf mehr als 50 Prozent.

NEV Boom in China

Systematischer Technologieaufbau durch Übernahmen

Parallel zur internen Entwicklung verfolgte China eine konsequente Akquisitionsstrategie. Chinesische Unternehmen übernahmen gezielt deutsche Schlüsselunternehmen – auch unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Ein Auszug aus einer langen Liste:

Deutsche Unternehmen aufgekauft

Die Liste ließe sich fortsetzen. Das Muster ist klar: Gezielte Übernahmen in strategisch relevanten Industriesegmenten – Robotik, Automatisierung, Automotive-Zulieferung.


Die strategische Ressource: Seltene Erden

Ein oft übersehener Aspekt der chinesischen Strategie ist die frühe Sicherung kritischer Rohstoffe. Seltene Erden sind für moderne Technologie unverzichtbar – von Elektromotoren über Windkraftanlagen bis zu Smartphones.

Die Zahlen sind ernüchternd:

  • China kontrolliert über 90 Prozent der globalen Wertschöpfungskette für Permanentmagnete, die für Elektromotoren unverzichtbar sind
  • Über 80 Prozent der weltweiten Kapazitäten zur Trennung und Raffinerie von Seltenen Erden befinden sich in China
  • Mit 44 Millionen Tonnen verfügt China über die weltweit größten Reserven

Die europäische Industrie befindet sich in einer strukturellen Importabhängigkeit. Bei schweren Seltenen Erden wie Dysprosium und Terbium ist die EU nahezu zu 100 Prozent auf Importe angewiesen. Deutschland verfügt über keine nennenswerte eigene Förderung oder Verarbeitungskapazitäten.

Ein durchschnittliches E-Fahrzeug benötigt 1 bis 2 Kilogramm Seltenerd-Magnete. Eine einzige Offshore-Windkraftanlage benötigt bis zu 600 Kilogramm. Die gesamte grüne und digitale Transformation des Westens steht auf einem Fundament aus Rohstoffen, dessen Schlüssel fast ausschließlich in Peking liegt.

Seltene Erden

Die Flucht von Windows: Technologische Unabhängigkeit

Ein weiterer Baustein der chinesischen Strategie ist die systematische Entwicklung der Unabhängigkeit von westlicher Software. China verabschiedet sich schrittweise von Microsoft.

Neben Harmony OS – dem Betriebssystem von Huawei mit mehr als einer Milliarde Installationen – existieren bereits mehrere Linux-basierte Alternativen für Smartphone, Tablet und PC. Wer im chinesischen Markt bestehen will, wird dies möglicherweise künftig nicht mehr mit Windows-Software tun können.


Die Transformation Chinas in Zahlen

Die Transformation Chinas zwischen 2015 und 2025 umfasst nahezu alle strategischen Sektoren. Hier eine Auswahl der dokumentierten Erfolge:

Transformation von China

Der Unterschied im Denken

Der Analyst Dan Wang hat es treffend formuliert: China ist ein "Ingenieurstaat, der mit einem Vorschlaghammer auf physische und soziale Probleme reagiert" – im Gegensatz zur "Anwaltsgesellschaft der westlichen Welt, die mit einem Hammer fast alles blockiert."

In China arbeiten Staat und Industrie zusammen. Man hat die komplette Lieferkette in der Hand. Entscheidungen werden getroffen und umgesetzt. Während der Westen auf Legalismus setzte – Zölle erhob und ein immer ausgefeilteres Sanktionssystem entwarf –, konzentrierte sich China darauf, die Zukunft zu bauen.

Das soll keine Bewertung sein, ob das eine System besser ist als das andere. Aber es erklärt, warum China in so kurzer Zeit so weit gekommen ist.


Die neue Wettbewerbssituation

Experten warnen, dass besonders der deutsche Maschinenbau und das Feld der "Industrial Intelligence" – Bereiche, in denen deutsche Unternehmen bisher den Weltmarkt dominierten – unter massiven Druck geraten. China will in neuen Feldern nicht mehr nur aufholen, sondern von Anfang an die führende Rolle einnehmen: Quanten- und Biotechnologie, Wasserstoff- und Fusionsenergie, lernfähige Roboter und Gehirn-Computer-Schnittstellen, die nächste Mobilfunkgeneration 6G.

Während China langfristig vorausplant und strategische Rahmenvorgaben setzt, wird Europa und Deutschland eine eher kurzfristige Krisenreaktion bescheinigt. Es fehlt eine eigene überzeugende wirtschaftliche Vision, um China auf Augenhöhe zu begegnen.


Ausblick

Als ich 2020 zum letzten Mal vor der Pandemie in China war, ahnte ich nicht, wie sehr sich das Land in den folgenden fünf Jahren verändern würde. Die Transformation, die ich hier beschrieben habe, war bereits in vollem Gange – aber ihre Auswirkungen wurden erst später sichtbar.

Im Sommer 2025 kehrte ich zurück. Was ich dort erlebte, hat meine Wahrnehmung von China grundlegend verändert.

Davon handelt der nächste Teil dieser Serie.


Im dritten Teil berichte ich von meinem Besuch im Sommer 2025: saubere Städte, ein völlig verändertes Straßenbild und ein Mobilitätserlebnis, das ich so in keiner westlichen Metropole erlebt habe.


Quellen:


Über den Autor: Der Autor besucht China seit 2004 regelmäßig geschäftlich und teilt hier seine persönlichen Beobachtungen und Erkenntnisse.

Über den Autor

Andreas Wocke Visionärer CEO eines KMU's mit internationaler Erfahrung. Schwerpunkte: Innovation, Produktentwicklung, Technik und Vertrieb. Fokussiert auf Effizienz, Effektivität sowie den Aufbau nachhaltiger Wissens- und Erfahrungsstrukturen für Unternehmen.

Andreas Wocke